Der Container kommt

15 Minuten früher als erwartet fährt der grosse, schwarze Van vor unserer Wohnung vor. Dem Fahrzeug entsteigen vier rot gekleidete, stark gebaute Männer. Ich stehe auf dem Balkon, da ich ihre Ankuft bereits erwarte und winke sie zu mir. Tom und ich erklären den Umzugsmännern, welche Artikel verschifft werden und welche per Luftfracht mitkommen sollen. Sie machen sich an die Arbeit.

Die letzen Wochen haben Tom und ich damit verbracht, unseren gesamten Haushalt genau nach diesen Kriterien einzuteilen, vieles haben wir weggeworfen oder auch verschenkt. Es war sehr zeitaufwändig, über jedes einzelne Ding aus dem Haushalt zu entscheiden, ob man es behalten will, in der Schweiz einlagern, per Air oder Sea schicken, verschenken oder wegwerfen will. Gefühlt sind wir in diesen Wochen 5x umgezogen. Dafür, und das ist der riesige Vorteil, haben wir bis zum letzten Legostück aufgeräumt, unnötiges weggeworfen. Selten haben wir uns so „frei“ von Ballast gefühlt.

Die Woche vor dem Umzug kam Tom mit einem Papier auf mich zu, wo wir bestätigen mussten, dass wir in der Luftfracht keine Batterien mitnehmen. Ich dachte mir, ja klar, da sind doch nirgends Batterien drin. Und dann kamen mir all die ferngesteuerten Autos, die Ampel von der Briobahn, die Bücher mit Ton und die Spiele mit Motor in den Sinn. Bravo. Und so sass ich an zwei Abenden vor den Kisten und leerte die gesamten Lego, Briobahn etc. auf den Boden aus und kontrollierte, wo die vermaledeiten Batterien versteckt waren. Ich hoffe, ich habe keine übersehen, sonst droht uns nämlich eine Busse vom Flughafenzoll.

Die eingangs erwähnten Umzugsmänner haben innerhalb von 8 Stunden unseren gesamten Haushalt professionell eingepackt. Um 14:00 Uhr war es dann soweit: Ein Lastwagen mit einem grossen, roten Frachtschiffcontainer fuhr in unser Quartier. Einige Freunde standen da oder schauten vom Balkon aus mit ihren Kindern zu, wie der Chauffeur den wuchtigen Container navigierte und abstellte, so dass die Umzugsmänner die eingepackten Haushaltsgüter einpacken konnten. Während 2,5 Stunden wurde der Container professionell beladen. Tom und ich fragten uns, wie das Ganze dann wohl in Hong Kong ablaufen wird – dort werden wir mit ziemlicher Sicherheit nicht im 1. Stock sondern eher im 20. Stock wohnen – wie die Umzugsfirma vor Ort wohl ein sperriges Boxspringbett zügelt?

 

Tom und ich waren schon den ganzen Tag über relativ sentimental. Am Morgen steht man auf, und weiss, dies war die letzte Nacht in dieser Wohnung. Man isst ungemütlich in einem halbleeren Wohnzimmer ein zusammengewürfeltes Frühstück, weil fast alle Lebensmittel aufgebraucht sind. Dann trifft man überall liebe Nachbarn, Freunde, Kollegen. Bei jedem einzelnen hätte ich am liebsten losgeheult. Aber ich war den ganzen Tag so im Organisations- und Delegationsfieber und musste an so vieles denken, dass ich diese Gefühle ziemlich beiseite schob. Die, die mich an dem Tag erlebt haben: Ich war eventuell etwas kühl – aber glaubt mir, das machte bloss den Anschein. Ich weiss einfach, dass wenn ich zu viel an alle denke und daran denke was wir hier alles vermissen werden, werde ich nicht aufhören können zu heulen 🙂

Der Chef des Umzugs hatte es dann plötzlich sehr eilig – ich musste in windeseile die Air und Sea Fracht-Inventar-Dokumente unterschreiben. Es war ein sehr heisser Tag, ich glaube, die wollten einfach nur noch nach Hause.

Irgendwann war der Lastwagen abgefahren, und Tom und ich standen in einer komplett leeren Wohnung. Es war ein komisches Gefühl.

Am nächsten Tag ging ich nochmals in unsere Wohnung, um zu schauen ob alle Putzsachen, die ich mit „stays here!“ angeschrieben hatte, wirklich noch da waren, da der Putzmann in den nächsten Tagen die gesamte Wohnung putzen wird. Ich schaute nochmals in alle Schränke. Und – Sch***! Die haben tatsächlich die hübsche Messlatte im Kinderzimmer von Gotte Julia vergessen und eine gesamte Schublade mit Besteck! Entweder lassen wir das Besteck nun da und kaufen in Hong Kong neues oder wir nehmen es mit. (Viel Vergnügen, Messer am Flughafen einzuchecken….). Bei der Ansicht der Messlatte habe ich wässrige Augen bekommen. Das sollte doch unbedingt mit! Echt blöd, habe ich mich vom Umzugstypen so stressen lassen und mir nicht genug Zeit genommen, alles genaustens zu kontrollieren.

 

 

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