Der Super-Taifun Mangkhut – so habe ich ihn erlebt

Die Schule unseres Sohnes hatte es angekündigt. Via Wetter-App haben wir Warnungen erhalten. Die Medien waren voller Berichte. Wir wussten ziemlich genau, dass Hong Kong am Sonntag, 16. September um die Mittagszeit von einem Super-Taifun heimgesucht werden sollte.

Am Samstag war das Wetter schön sonnig und das Meer ruhig. Die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Am Sonntag Morgen war zuerst alles wie immer: Die Kinder waren früher als wir aufgestanden, haben gespielt, irgendwann wachten wir von der Streiterei der beiden Jungs auf. Es war gegen 8 Uhr, als wir frühstückten. Das Wetter verschlechterte sich jedoch zusehends, Taifunwarnungen waren bereits herausgegeben worden. Gegen 10 Uhr nahm der Wind stark zu. Plötzlich wurde mir übel und schwindlig. Als ich merkte, dass sich das ganze Haus bewegte, wurde mir noch schlechter. Ich fühlte mich absolut nicht mehr wohl und bekam Angst. Die Deckenlampen pendelten hin und her, wenn ich von A nach B lief, fühlte ich mich wie besoffen, ich konnte nicht mehr gerade laufen.

Video: Denise Probst, gefilmt in der eigenen Wohnung

Ich verbannte Tom und die Jungs in den schmalen Flur, nebst den Toiletten der einzige Ort, der nicht von Fensterfronten umgeben ist. Um 11 Uhr windete es so stark, dass sich die Bäume bogen, die Schiffe im Hafen schaukelten wild umher.

Wohin ich auch aus dem Fenster blickte, das Wasser peitschte ans Fenster, ab und zu hörte man ein knacksen, als würde gleich ein Fenster zerspringen. Die Wolken waren schwarz, das Meer schäumte. Ich musste hier raus. Aber raus ging natürlich nicht, das ist viel zu gefährlich. Aber zumindest in die Lobby runter. Tom und die Jungs kamen mit. Es sassen bereits einige Leute da. Im 38. Stock, meinte eine Bewohnerin, hätte sie sich am Tisch festhalten müssen um nicht umzukippen, so geschüttelt habe es.

So sieht es aus, wenn man die Warnungen ignoriert und bei Typhoon Warnung 10 rausgeht: (Video Facebook)

 

Video: Denise Probst, gefilmt vor dem eigenen Hauseingang

 

Video: Hong Kong Expat Site

Tom hatte keine Lust mehr, in der Lobby auszuharren. Ihm machte das gewackle in unserer Wohnung nichts aus, zudem wollte er Mittagessen kochen. Also ging er mit den Kindern wieder rauf in unsere Wohnung im 20. Stock. Ich blieb unten, zwischenzeitlich ging ich einmal hoch, aber mir wurde gleich wieder so schlecht, dass ich wieder in die Lobby flüchtete. Ich frage mich noch immer, warum mein Mann und die Kinder keinen Schwindel und keine Übelkeit verspürten. Ich glaube, ich hatte an dem Tag die Angst, den Schwindel und die Übelkeit aller vier für mich alleine gepachtet.

Ich sass in der Lobby, vor mir zwei dicke Lobbytüren (aus Glas…), dahinter das pure Chaos. Der Sturm fegte über die Strasse, ich sah Äste von Bäumen abbrechen und Sachen herumfliegen. Eine Bewohnerin meinte zu mir, sie habe schon mehrere Taifune erlebt während der 10 Jahre, in denen sie in Hong Kong lebe – dies sei mit Abstand der schlimmste von allen gewesen.

Gegen 17 Uhr ging ich dann wieder in die Wohnung zurück. Ob es stark gerüttelt habe, wollte ich wissen. „Jaa!“ Riefen mir zwei strahlende Kinder entgegen. „Mega luschtig, Mami“.

Die Wetterlage beruhigte sich allmählich ein bisschen. Es stürmte zwar immer noch heftig, an rausgehen war immer noch nicht zu denken, aber immerhin bewegte sich das Haus nicht mehr und das Meer wurde etwas ruhiger, was ich als gutes Zeichen deutete.

Und dann schrillte der Feueralarm.

Ich rief „Alle raus!“ schnappte die nächste herumliegende Tasche, stopfte Wasser, ein paar Äpfel und mein Portemonnaie rein, packte die Kinder und rief nochmal „JETZT!“. Mir dauerte das alles viel zu lange, alle wollten noch Schuhe anziehen, ihre Lieblingsplüschtiere einpacken, Tom suchte sein Portemonnaie und die Pässe, es machte mich wahnsinnig. Gefühlte 5 Minuten später verliessen wir die Wohnung via Feuertreppe. Ich roch zwar nirgends Rauch, aber als uns zwei Bewohner auf der Treppe von unten her entgegenkamen malte ich mir aus, dass sie nur raufkamen, weil sie irgendwo in diesen 20. Stockwerken nicht mehr weiter runterkamen. Wir liefen weiter, mein Herz pochte, mein Nervenkostüm war noch dünner als vorher.

Unten in der Lobby angekommen war nichts zu spüren von einer Hektik, nur etwa 10 Personen sassen in der Lobby – und das, obwohl es in unserem Turm 38 Stockwerke à je 4 Wohnungen gibt. Der Alarm ging ständig an und aus. Ich wollte nicht einfach wieder hoch gehen solange ich nicht wusste, wo das Problem lag. Ein Brite aus Stock 23 D (den Namen habe ich in der Aufregung vergessen, nur die Wohnungsnummer ist mir geblieben…) diskutierte mit der Dame von der Lobby. Es stellte sich nämlich heraus, dass die beiden Haupttüren wegen des Taifuns geschlossen worden waren (was natürlich Sinn macht, sonst fliegt eine der schweren Türen auf und richtet grossen Schaden an). Das Hauptproblem aber war, dass der Notausgang ebenfalls geschlossen war. Hätte es wirklich gebrannt – wir hätten nirgends rausgekonnt. Der Brite, der neben mir der einzige war, der einen Rucksack gepackt hatte und die Sache Ernst genommen hatte, disktuierte mit der Dame von der Lobby, bis sie den Gebäudemanager aufbat und wir mit diesem sprechen konnten. Er war verständnisvoll und versprach, dass bei einem nächsten Taifun die Notfalltüre offen gelassen werde, zudem erklärte er uns die Fluchtwege, und dass die Türen ab dem morgigen Tag nicht mehr verschlossen seien. Wir gaben uns mehr oder weniger zufrieden und fuhren mit dem Lift gemeinsam hoch.  Bevor ich ausstieg, meinte er zu mir: „You know, just knock on door 23 D, I’ve got an axe, we will get out anyway“.

So, und das war unser Super- Taifun- Sonntag. I’ve had enough, thanks. Over and out.

 

Der Tag danach, von unserem Wohnzimmer aus:IMG_3309.JPG

C

 

Der Tag danach auf Tom’s Arbeitsweg:

BA

IMG_3201

 

Fotos: Thomas Probst

 

 

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2 Gedanken zu “Der Super-Taifun Mangkhut – so habe ich ihn erlebt

  1. Thomas schreibt:

    Hach das weckt erinnerungen.1980-1985 durfte ich als 5-10 Jähriger ein teil meiner Kindheit in HK verbringen. Dieser Post weckte erinerungen an den ersten grossen Taifun. Eltern Nervös, Scheiben abkleben und bretter davor. Ich durfte nicht mehr auf den Balkon raus (13 Stock) Ich weiss noch wie ich durch die Wohnung rannte und sang der Taifun kommt. Der Wind pfiff. Ich fand das Aufregend. Die Bäume hinterm Haus im Sturm. Ich fand das alles sehr spannend.
    Tage dannach als ich der Zeitung die Bilder der Verwüstung sah. Eines ist mir immer nboch präsent. Ein Schiff, so Fischkutter mittelgross, hats in die Stadt verfrachtet sehr eindrücklich.

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