Das Leben als Expatriate – eine ehrliche, erste Bilanz

Lange war es ruhig hier. Nun ziehe ich eine erste, persönliche Bilanz.

Anpassen
Wir haben uns an viel Neues gewohnt. Die Kinder finden es nicht komisch, Seegras zu essen. Tom und mich stören die grossen Menschenmassen in der MTR nicht – wir haben unser Laufverhalten so perfektioniert, dass wir nicht mit anderen zusammenstossen und flüssig überall durchkommen. Die Hühnerfüsse im Supermarkt finde ich auch nicht mehr komisch anzuschauen (obwohl ich sie definitiv nie kaufen werde). Ich rege mich nicht mehr auf, dass ich im Kino fast erfriere weil die Klimaanlage auf gefühlte 18 Grad eingestellt ist – ich nehme einfach eine Jacke mit. Und ich habe Geduld gelernt  sowie immer nachzufragen weil oft ja gesagt wird, aber eben doch nicht alles klar ist.

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Anpassen – oder eben auch nicht
Es gibt Dinge, an die werde ich mich nie gewöhnen. Anfangs habe ich mich aufgeregt, wenn jemand den Kindern das Scooterfahren, Ball spielen, herumrennen, laut sein,  im Pool den Ball werfen (!) etc. verboten hat. Ich habe jeweils genervt gekontert.

Ich finde es immer noch dämlich, dass den Kindern oft jegliches Kind sein verboten wird – nur werde ich nicht mehr sauer. Ich lächle und sage „Ok, fine, we’ll do that“ – nur um hinter der nächsten Ecke weiterzuspielen. Gesicht wahren für beide Seiten – eine wichtige Lektion.

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Höhepunkte
Seit einigen Monaten amte ich als Präsidentin des Schweizer Schulkommittees, ein Subkommittee der Swiss Association Hong Kong.  Die Aufgabe macht mir Spass. Ich  bereite Sitzungen vor, leite diese, koordiniere,  gehe an Events wo ich das Komitee vertrete. Einer der Höhepunkte war ein Dinner mit hohen Vertretern aus diversen Businessbereichen in Hong Kong – das war unglaublich spannend und bereichernd.

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Zudem habe ich erste Erfolgserlebnisse mit dem Mandarin. In den ersten Mandarinstunden habe ich mich gefragt, wie ich die Betonung der 5 „Tones“ jemals hinbekommen soll. Beispiel: mā, má, mǎ, mà, ma hat je nach Aussprache eine komplett andere Bedeutung: Mutter, Hanf, Pferd, schimpfen, Fragewort. Jetzt kann ich (einfache) Texte mit korrekter Betonung lesen, verstehen und Fragen dazu beantworten. Das sag ich selten; aber ja, ich bin stolz auf mich.

 

Tiefpunkte
Wenn Personen, die noch nie als Expatriate im Ausland gelebt haben hören, dass wir Expats in Hong Kong sind, hört man nur „Ooohs“ und „Aaahs“. Das Bild ist ein rosarotes, durchwegs positives.

Es ist aber nicht nur einfach. Freunde, Familie kurz besuchen: Fehlanzeige. Wenn man Sorgen hat und gerade jetzt, in dem Moment mit der Mutter, der besten Freundin oder Schwester telefonieren will, sind diese  wegen der Zeitdifferenz entweder schon im Bett oder noch am schlafen. Freunde finden, aber immer Angst haben, dass die Freundin beim nächsten Treffen sagt: „Du, wir wurden versetzt, der Umzug ist in 4 Wochen“. Das schlechte Gewissen, wenn man in den Ferien ins Heimatland geht –  es aber unmöglich schafft, alle Leute zu sehen. Und das Gefühl, wenn einem vorgehalten wird, sich zu wenig Zeit genommen zu haben beim Besuch, obwohl man dafür extra einmal um die halbe Welt geflogen ist.

 

Neue Familienkonstellation
Bevor wir nach Asien gezogen sind, haben uns viele gesagt, dass das erste, was wir als Expatfamilie haben werden, eine Haushälterin sein wird. Die Idee gefiel uns. Aber kaum in Hong Kong sah ich dann, was dies bei der Mehrheit der Familien bedeutet. „Be careful!“ „Mummy is not going to like this! I will tell her!“ riefen die Helperinnen ständig. Die ersten Monate war ich jeden Nachmittag mit den Kindern draussen und hörte es von allen Seiten. Ich wollte aber eben gerade nicht, dass meinen Kindern verboten wird, aktiv zu sein.

Ich hatte Angst, dass eine Helperin, wie sie hier genannt werden, meinen Kindern die Freiheit nimmt, Kind zu sein. Ich sah so viele Kinder, denen verboten wurde von einem winzigen Bordstein ins Gras zu springen oder zu rennen. Ich sah auch öfters Kinder, die mit einer Art Seil mit der Helperin angebunden waren, damit sie ja nicht wegrennen und sich wehtun können. Mit dem Resultat, dass diese Kinder dann natürlich ständig umfallen und sich verletzen – und meine Kinder (fast) verletztungslos von fast überall runterspringen und wild herumkurven. Paradoxerweise habe ich von einigen Leuten dann Gratuliationen für meine „very talented, sporty children“ erhalten… .
Irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem sich meine Familie eigelebt hatte, alle Abläufe waren klar und ich wollte mich weiterbilden und anfagen zu arbeiten. Und da stellte sich  natürlich die Frage, wo die Kinder hinsollen, wenn ich arbeite?  Nachbarn fragt man hier nicht, da eben alle eine Helperin haben, und keine Grosseltern, Götti, Gotte etc.  in der Nähe sind. Und so kam es, dass seit einigen Monaten Yolly bei uns lebt.

Aber – und das habe ich von Anfang an klar gemacht: Sie schmeisst den Haushalt (kochen, putzen, waschen) –  was mir wiederum mehr Zeit mit den Kindern beschert. Natürlich passt sie auf die beiden Jungs auf wenn ich eine Sitzung vorbereite, Mandarin lerne oder mit Tom Abends mal weggehe. Aber ich bin immer noch die primäre Ansprech- und Erziehungsperson, was für uns sehr wichtig ist.

Wir sind sehr froh, Yolly bei uns zu haben – sie hat einen trockenen Humor, blödelt gerne mit den Jungs herum, lässt sie beim Kochen mithelfen, und wir haben immer wieder spannende Gespräche über ihre philippinische Heimat und die 5 Geschwister und all deren Kinder, die sie mit ihrem Lohn unterstützt.

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Das Schweizerische in mir
Ich esse immer noch viel mehr Käse (ok, und Schokolade…) als ein Durchschnitts- Hong Konger. Pünktlich bin ich sowieso, aber das sind die Hong Konger auch. Ich bekomme fast die Krise, wenn das Menu im Restaurants „Dumplings in Melted Swiss Cheese Fondue“ anbietet. Ich mag das Zurschaustellen von Reichtum nicht. Heruntergekühlte Kinosääle, wie ihr ja nun wisst, auch nicht.
Und ich erzähle jedem, dass die Schweizer Schokolade hier eben nicht genau gleich schmeckt wie zu Hause, obwohl man hier überall Lindt, Toblerone und dergleichen  findet.

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(Weihnachten 2018 im Coop St. Annahof in Zürich mit meiner Freundin Angelina – Glück pur!)

 

Was ich vermisse
Nebst den very obvious ones wie Familie und Freunden? Schlafen bei offenem Fenster! Kalte, frische Luft zum einatmen. Generell: Fenster öffnen, Lüften! Käse und Schokolade. Migros. Kinderspielplätze ohne Verbotstafeln. Freunde im Quartier treffen und sich spontan zum Grillieren verabreden. Fahrrad fahren. (Das habe ich aufgegeben; zu gefährlich, ich konnte nur auf dem Gehsteig fahren und wurde einige Male von Polizisten angehalten).

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(So fuhr ich meinen jüngsten Sohn jeweils jeden Morgen 20 Minuten zur Preschool und wieder zurück)

 

Wovor ich Angst habe
Jeder der eine Familie hat weiss; Der Alltag ist vollgepackt. Oft kommt man erst irgendwann spätabends zum durchatmen. Und das ist dann oft der Moment, wo ich gerne mit jemandem von zu Hause reden würde. Aber da sind die meisten am Arbeiten, und wenn sie dann zu Hause sind, bin ich längstens am Schlafen. Manchmal beschleicht mich das schlechte Gewissen. Ich habe noch nie gerne telefoniert; und durch den Zeitunterschied wird dies noch erschwert. Oft denke ich, dass mich Freunde und Kollegen vergessen. Aber im Grunde weiss ich; wenn wir wieder in der Schweiz sind, fühlt es sich wahrscheinlich einfach so an, als wären wir lange in den Ferien gewesen und werden am selben Ort anknüpfen können wie zu dem Zeitpunkt alS wir gegangen sind. Aber das etwas komische Gefühl in der Bauchgegend und das schlechte Gewissen bleibt trotzdem.

Vor einigen Tagen habe ich meinen älteren Sohn gefragt, welcher denn aktuell sein Freund im Kindergarten sei. Er meinte: „Keiner“. Ich war natürlich beunruhigt. Aber dann führten wir ein schönes Gespräch über Freunde, die Schweiz und den Fakt dass man Freunde überall haben kann, alte Freunde nicht einfach verschwinden und man neue Freunde finden kann. Er meinte darauf: „Aber Mami, ich will keine neuen Freunde. Dann muss ich die dann auch wieder vermissen wenn ich in die Schweiz gehe“. Das hat meinem Herzen einen kleinen Riss gegeben – und es hat mir natürlich gezeigt, dass er seine Schweizer Freunde sehr vermisst und er dieses Gefühl nicht nochmals erleben möchte. Ich hoffe natürlich ganz fest, dass er mit seinen besten Freunden in der Schweiz wieder dort anknüpfen kann, wo er sie verlassen hat – und die Freunde, die er hier kennen lernt, genau so im Herzen behält.

 

Was mich am meisten über Hong Kong überrascht hat
Die Pünktlichkeit, die Zuverlässigkeit. Der Sinn für Gemeinschaft – wenn ihr den Streik der letzten Woche verfolgt habt, habt ihr sicherlich auch gesehen, dass sich die Streikenden unglaublich vorbildlich verhalten haben – lest hier mehr darüber.

Was mich immer wieder überrascht ist die gegenseitige Rücksichtnahme. Fast ausnahmlos klappt es, dass immer erst alle Leute aus dem Zug herausgelassen werden, und erst dann wird eingestiegen. Kindern wird fast immer ein Platz zum Sitzen angeboten. Und Menschen, die krank sind, tragen eine Maske, um die anderen nicht anzustecken. (Ich dachte immer, dass sie sich gegen andere schützen, aber sie schützen die Allgemeinheit vor sich selbst – ist das nicht toll?)

Überrascht hat mich auch das sehr viele Grün – Hong Kong ist sicherlich zum Teil eine Betonwüste – aber eben nicht nur! Ich wandere zwar immer noch nicht gerne – aber es gibt hier unglaublich schöne Wanderwege (Sabrina, irendwann musst du mich einfach zu meinem Glück zwingen!)

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Wie uns Hong Kong verändert hat
Auf den ersten Blick: Überhaupt nicht. Wir sind immer noch die selben wie vorher, nur in einem anderen Land und in einem anderen Umfeld.

Es sind kleine Dinge, die man nicht auf den ersten Blick sieht, die sich verändert haben:

  • Wir sind alle zu Frühaufstehern geworden. Ich stehe als erste um 06:00 Uhr auf, 10-15 Minuten später die Kinder und Tom, um 06:40 holt der Schulbus den älteren Sohn ab.
  • Schwimmen hat einen prominenten Platz in unserer Familienagenda eingenommen. Oft sind wir am Wochenende Samstags an einem Strand und am Sonntag 1-2 Mal im Hauseigenen Pool anzutreffen.
  • Da Yolly natürlich kein Schweizerdeutsch spricht, spricht die ganze Familie mit ihr (und zuweilen auch untereinander…) Englisch. Der jünste zählt zum Beispiel nie auf Schweizerdeutsch, wenn er zählt klingt das mittlerweile so: „One, Two, Three, Sì, Wǔ, Liù, Qī, Bā, Jiǔ, Shí“.
  • Der Einblick in Yaya’s (so nennen wir sie; es heisst übersetzt Nanny) Kultur ist spannend: Als der jüngste letztens krank war meinte sie, wenn man den Kindern keine Schokolade gebe, würden sie auch nicht krank. Ein anderes Mal meinte sie, dass Kinder, die noch Milchzähne hätten, die Zähne ja nicht putzen müssen; die würden sowieso ausfallen. (Keine Angst: Unsere Kinder putzen immer noch 3x am Tag die Zähne – nachdem sie die Schokolade genüssich verputzt haben).
  • Ich habe gelernt, dass ich absolut Fähig bin, dafür zu sorgen dass sich meine Familie in einem anderen Land erfolgreich niederlassen kann. Es klingt einfacher als es ist. Dafür zu sorgen, dass sich alle wohlfühlen, dass alle „ankommen“, Tom den Rücken freizuhalten, die Sorgen der Kinder anzuhören und zu helfen, das Heimweh  zu bewältigen – das war in den ersten Monaten mein Job. Ich musste dafür erst die kulturelle Andersartigkeiten herausfinden (ach so, man schickt die Kinder nicht einfach raus und alle treffen sich draussen, jedes play date muss geplant werden! Aha, es ist normal, dass man eine Geburtstagsparty für 10 Kinder plus 10 Erwachsene planen muss, da jedes Kind seine Helperin dabeihat).
  • Mich nicht zu verlieren in dem ganzen „mich um die Familie kümmern während ich mich zum ersten Mal im Leben daran gewöhnen muss, dass ich nicht arbeite“ – sondern mich neu zu finden.
  • Gelernt habe ich auch, mich anzupassen, die Sprache zu lernen, noch weltoffener zu sein, noch mehr Verständnis für andere Kulturen zu haben. Und auch, mir Sachen zuzutrauen wie z.B. Leute in einem Kommitte zu führen, oder mich nicht auf andere zu verlassen sondern Dinge mehr zu hinterfragen.
  • Verändert hat sich auch, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben die Schweiz manchmal vermisse weil ich sehe, was für ein privilegierter Ort die Schweiz doch ist.

Das Abenteuer Hong Kong ist mittlerweile eigentlich gar keines mehr, sondern es ist zu unserem Alltag geworden. Wir wohnen gerne hier – aber wir freuen uns alle unglaublich, in ein paar Tagen für einige Wochen in die Schweiz zu fliegen. Vorher muss ich aber noch mein mittlerweile das zur Übergrösse mutiertE Excel-File vervollständigen, wann wir wo wen treffen werden 😉

Alles Liebe, Denise

 

 

 

Veröffentlicht in: Blog

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